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Rückschritt als Fortschritt oder „Das kenne ich alles schon”Haben sie auch manches mal den Eindruck, dass sie viele neue Entwicklungen eigentlich schon kennen? Eigentlich sind sie ja ein alter Hut ( wie der Minirock, der ja auch immer mal wieder in Mode kommt ) und haben sich ja scheinbar in der Vergangenheit nicht bewährt, da sie ja von anderen alten „neuen” Entwicklungen abgelöst wurden?Gerade die neu entflammte Diskussion um Moral und Strenge an Schulen und Internaten macht deutlich, dass neu Entwickeltes anscheinend häufig von Althergebrachtem wieder eingeholt wird. Dieses „Phänomen” erlebe ich zur Zeit auch in Kitas und nicht selten führt es zu großen Verstörungen bei den Erzieherinnen und Erziehern. Schließlich haben sie mit viel Energie und großem Einsatz neue Konzepte erarbeitet und in die Praxis umgesetzt und nun soll der alte Zopf wieder her? Folgendes Beispiel begegnete mir kürzlich in meiner beruflichen Praxis: Vor einigen Jahren wurde das gesamte System der Kitas in Hamburg auf das neue Kita Gutscheinsystem umgestellt. Im Rahmen dieser Umstellung kam es in der betreffenden Kita auch zu einer Umstellung der inneren Strukturen. Diese mussten so flexibel gestaltet werden, dass die Kita auch im neuen System wirtschaftlich überleben konnte. Mit großer Energie und Kraft wurde in kürzester Zeit die Struktur der gesamten Kita verändert, Gruppen wurden aufgelöst, andere zusammengelegt. Erzieher mussten sich in neuen Teams eingewöhnen und in kürzester Zeit sollten alle Kinder und Eltern trotzt der Veränderungen wieder das Gefühl haben, dass ihre Kinder verantwortungsvoll und in verlässlichen Bezügen betreut werden. Nun, kaum 4 Jahre später, soll wieder alles anders werden. Ehemals zusammen gelegte Gruppen sollen sich wieder trennen und damit kleiner werden ( das haben wir ja schon immer gesagt ) und Teams, die sich gerade gefunden haben, sollen wieder in kleineren Bezügen arbeiten. Eine Rückkehr zu alten Zöpfen, sozusagen ein Rückschritt? Hatten nicht alle gerade noch an einem Fortschritt gearbeitet? Wofür die ganze Mühe, wenn sowieso alles wiederkommt? War das alles Mist was wir gemacht haben, haben wir „für die Katz” gearbeitet? Und wenn nicht alles Mist war, warum sollen wir nun erneut an Veränderungen arbeiten. Wer gibt uns die Sicherheit, dass in 2 Jahren nicht wieder alles verändert wird. Nun, als Leiter einer Kita und Supervisor in diesem Arbeitsbereich empfehle ich ihnen: Geben sie keine Garantien, auch wenn sie im ersten Moment für Beruhigung sorgen könnten und die Aussicht auf eine gute Stimmung in der Kita sehr verlockend ist. Die Garantie auf „Nichtveränderung” verhindert Innovation und diese sollte als Investition in die Zukunft auf der Prioritätenliste ihrer Einrichtung an erster Stelle ihrer TO DO Liste stehen. Als ersten Schritt empfehle ich ihnen: Praktizieren sie ein hohes Maß an Offenheit im Denken und Handeln. Dieses sichert ein Höchstmaß an Transparenz und gibt die Möglichkeit einer größtmöglichen Anschlussfähigkeit. Allerdings garantiert auch ein hohes Maß an Tranparenz nicht das Verständnis und die konstruktive Mitarbeit aller Kolleginnen. Entwickeln sie als Leitung eines Veränderungsprojektes hilfreiche Strategien, um das Spannungsfeld zwischen enttäuschten Mitarbeiterinnen, dem Erwartungsdruck ihrer Vorgesetzten, den Erwartungen der Kunden und Ihrem eigenen Anspruch nicht nur auszuhalten.Was halten sie von der Idee, diesen Prozess als eine tolle Möglichkeit zu nutzen, die Vielfalt an verschiedenen Ansichten mit der Möglichkeit des häufigen Perspektivwechsels genussvoll zu kombinieren. Ich empfehle ihnen dazu den Leitsatz Heinz von Försters: Erhöhe die Anzahl der möglichen Lösungen für die Fragen,die sich dir stellen. Vielleicht haben sie auch die Möglichkeit, eine kollegiale Beratung zu nutzen oder für diese Situation auf einen Supervisor oder Organisationberater zurück zu greifen. Als weiteren Schritt empfehle ich ihnen und ihren Kolleginnen: Schauen sie doch einmal, ob es sich bei der geplanten Veränderung tatsächlich um einen Rückschritt handelt. Im konkreten Fall war es tatsächlich so, dass das neue System auf den ersten Blick schon einmal vorhanden war. Auf den zweiten Blick wurde jedoch deutlich, dass nur durch die Veränderung vor 4 Jahren die jetzige Veränderung möglich war. Nur durch eine Zusammenarbeit vieler vorher getrennt arbeitender Erzieherinnen war der Kompetenztransfer möglich, der jetzt eine erneute Trennung möglich macht. Ebenso wurden durch die Bündelung von Ressourcen Raumstrukturen entwickelt, die nun in der Zukunft bereichsübergreifend genutzt werden können und damit eine große Vielfalt sichern. Als nächster Schritt hat sich der Blick auf Bewährtes häufig als hilfreich erwiesen. Was am alten Konstrukt hat sich als praktisch erwiesen und soll auch im neuen erhalten bleiben. Befragen sie auch dazu die Eltern und Kinder, so können sie ihre Veränderungen auf ein starkes Fundament von hilfreichen und erprobten Strategien aufbauen. Auch macht dieses Vorgehen deutlich, dass eben nicht alles Mist war, sondern viele erarbeitete Vorgehensweisen für Eltern und Kinder äußerst hilfreich waren. Auf diese Weise gehen sie mit der geleisteten Arbeit der Kolleginnen respektvoll und wertschätzend um und die geplanten Veränderungen verlieren ein wenig von ihrem Schrecken. Eines sollte bei einem solchen Vorhaben des vermeintlichen Rückschritts immer deutlich werden. Und mit dem alten Hut ist es wie mit dem Borsalino. Der wird gerade 150Jahre alt und spricht mit seinen neuen Farben und legeren Formen auch die Käufer der heutigen Zeit an. Eines hat sich nämlich in den vielen Jahren nicht geändert; die Qualität der bekannten Filzhüte Sie verändern Strukturen, Teams, Regelungen und Abläufe. Sie verändern nicht die gute Qualität der Betreuungsleistung, für die sie ja bekannt sind. Nicht weil es schwer ist wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen ist es schwer. Sven Hinrichsen PPSB Hamburg / Lehrtherapeut in Assistenz / Syst. Supervisor und Therapeut Kita Leitung |
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